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Ein Neokonzeptkünstler als Menschenfresser

(eine spontane Gesprächsequenz zwischen Dr. Leon Tsvasman und dem jungen ukrainisch-deutschen Dramatiker und Performancekünstler Pavlo Arie nach dem KUNSTFLOW-Event, aufgeschrieben von Sophie Reuméur)

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L.T. Als Dramatiker bist du einigen Kennern der internationalen Theaterszene bereits ein Begriff. Als einen Konzeptkünstler durfte ich dich erst jetzt bei meinem Event in Aktion kennen lernen, wie Du aus einem Einfall heraus überzeugende Ereignisse gezaubert hast. Ganz authentisch. Für mich scheinst du mehr Potenzial zu haben als Wirkung, charakteristisch für den vielseitigen Kunstschaffenden einer verwirten Gegenwart. Was ist Dein wesentlicher Antrieb?
Die Frage zielt auf Dein Selbstverständnis, eine ernsthafte Angelegenheit für jemanden, der in einer Welt als Kulturschaffender wirken will, in der einem Subjekt mittlerweile jede halbwegs autonome Orientierung in der Welt der Geltungen verweigert wird, es sei denn man agiert systemisch – über Organisationen, Wettbewerbe oder Medien. Alles Systemfilter, die Aufmerksamkeit verwalten…

P. A. Ich bevorzuge es, mich „Neokonzeptkünstler“ zu Anders_Portresnennen. Denn das Hauptanliegen meines Schaffens ist die Konzeption – eine Idee, der jedes Medium unterordnet ist. Zu ihrer Realisierung kann alles Mögliche und in beliebigen Kombinationen beitragen. Das Drama, die Skulptur, die Malerei, die Performance, das Kino und sogar die Musik. Alles hängt von jenem Antrieb ab, das in der Konzeption aufgehen soll. In der ersten Reihe interessiere ich mich für Texte, aber es ist auch so, dass man sehr viele Dinge nicht mit Worten ausdrucken kann, dann geht es los mit Bildern oder Installationen, oder Performances... Und Musik? Sie ist etwas Außerirdisches – die Sprache des Universums. So ist eine Aufgabe eines zeitgenössischen Künstlers – mit Gefühlen umzugehen. Egal was die sämtlichen Wissenschaftler an den Unis für Lügen erzählen, weil sie nicht fühlen dürfen, und mit den Galeristen ist es noch schlimmer.

L.T. Also wenn du unter „Bedürfnis“ eine Art Antrieb, die gestaltende Kraft, die Seele des Konzepts verstehst, die dein Schaffen prägt, was ist deine eigene Rolle dabei? Lebst du diese besondere Pietät vor dem Konzept, erscheint er mit als eine eigenwillige Emergenz, die sich in deinem Kopf aus einem Zusammenspiel der systemischen Zwänge, der gesellschaftlichen Verpflichtungen und Deiner eigenen Orientierung in der Welt verdichtet. Definiert sich ein „Neokonzeptkünstler“ über diese konzepteigenen Bedürfnisse, die er auf seinem Erkenntnisweg verwirklicht; agiert er als Medium seiner Konzepte, jener Halbwahrheiten auf dem authentischen Weg eines ständig erkennenden Subjekts? Und die Wissensverwalter aus den Unis lügen aus Not, weil sie keine eigenen Konzepte bedienen dürfen, weil sie mittlerweile nur noch in Teams und im Auftrag arbeiten?

P. A. Ja, als Subjekt ohne Auftrag erlebe ich Dinge, indem ich Konzepte generiere. Meistens tragen meine Performances den Charakter einer begrenzten Aktion, sind realen Menschen zugewandt. Ich interessiere mich für ganz konkrete Gefühle und erzähle dabei offen darüber, wie ich mit ihnen umgehe. Das macht meine Performances zu „Akten der sozialen Magie“, wie du sie nennen würdest. Aber, natürlich nicht immer. Es muss auch passende Situation und passende Stimme sein. Manischmahl es ist einfacher, sich nackt auszuziehen und durch die Straßen zu laufen (eine populäre Form von Performance), als etwas tiefer in eine soziale Person mit ihren fremden Halbwahrheiten hinein zu schauen.

L.T. Ich beobachtete, wie du als Performer agierst – sehr eigen, sehr dezent und doch bannend. Deine Magie schöpft aus hier und jetzt. Aus der Interaktion heraus fühlt sie sich mit dem Sinn des Moments. Also für mich bist du ein Konzept-Schamane, der sein Wissen (ich meine jene Konzepte, die dein künstlerisches Handeln bestimmen) dafür nutzt, fremde Gefühle als Kunstwerke zu verwirklichen, wobei sich eigenwillige künstlerische Momente verdichten, deine Performances.

P.A. Ja, danke für deine aufrichtige Beobachtung. In vielerlei Hinsicht bin ich mit dir einverstanden. Die Menschen stellen sich oft die Frage: «Was bringt solche Kunst? Welches Nutzen, was für Effekt?» Für mich sind es die dummen Fragen, weil wir auch ohne diese Fragen jene Antworten kennen. Einen Menschen macht nicht die Fähigkeit zu arbeiten oder zwei und zwei zu addieren, aus, und auch nicht jene, unaufhörlich zu quatschen, aber die Gabe, zu fühlen, oder wenn du willst, aus den seelischen Impulsen heraus zu handeln. Nicht nur den physischen, sondern den seelischen Hunger zu spüren. Hier kommt das Wesen des Künstlerischen zu Geltung, denn Kunst ist die Methode, eben diesen seelischen Hunger zu wecken. Er zwingt oder befähigt Menschen, die Musik, die Poesie, Theater oder Malerei zu genießen, die Blumen zu züchten, sie aber dafür auch zu opfern. Die menschlichen Gefühle schöpfen aus dem seelischen Hunger. Also verwerte ich die fremden Gefühle auch zur geistigen Nahrung, indem ich mit ihnen auf meine „menschenfresserische“ Art experimentiere.

 

8. Juli 2010, Kunstflow in Bonn